Praxis für Homöopathie
Thomas Mickler
Heilpraktiker
Hardenbergstr. 2
D-45472 Mülheim an der Ruhr

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Homöopathie - Info

Brief einer Patientin

Vortrag, gehalten anlässlichen des 10-jährigen Jubiläums der Dynamis Schule Köln, am 06.06.2004 von Angelika Hein. Mit Dank an Heike Westhofen (vormals Buczek), Stefan Reis und Thomas Mickler.


sehr geehrter herr doktor,
(so nennt sie mich immer, lassen sie sich nicht verwirren, manchmal sagt sie auch professor)

ich konnte es selbst kaum glauben, doch als erste reaktion auf die kügelchen, die sie mir neulich gaben, nahm ich mir ernsthaft vor, ihre rechnung zu bezahlen. anscheinend waren es nicht genug, denn die wirkung ließ bereits nach, als ich schon vor dem bankschalter, doch noch hinter der schlange stand. ich redete pausenlos mit ihr, aber sie hörte mir nicht zu. frustriert verließ ich die filiale und begabmich nach hause, um auf die kommende verschlim-merung in der nacht zu warten.

da kommt sie auch schon. diesmal von hinten. ich wusste doch schon immer, dass noch jemand im raum ist und jetzt ist es leider wahr geworden. sie schleicht sich fast lautlos herein und macht sich sogleich über mein gemüt her. sehr ungemütlich. ich dachte, das mit den einbrechern und den außer-irdischen wesen hätte ich nur geträumt.
aber der mensch denkt und der homöopath lenkt. so ist es nun einmal. schon immer gewesen. dabei passierte das mit der homöopathie ja nur rein zufällig, das habe ich selbst gelesen. weil ein sachse nach einem besuch beim chinesen fieber gekriegt hat. ist mir auch schon passiert. sie können sich sicher erinnern, weil sie mir mitten in der mitternacht eine giftige medizin gegeben haben, an der ich fast gestorben wäre. es war dann auch gleich vorbei.
zauberei oder zufall, das habe ich mich hinterher immer wieder gefragt. ich weiß wirklich nicht, was ich von einer medizin halten soll, die vom vollmond und von lauter zufällen abhängig ist. nehmen wir doch einmal diesen maler, von dem nicht einmal bekannt ist, ob er jemals in einem china-restaurant war. nur, weil er zufällig an seinem finger geschleckt haben soll, sitzen heute tausende von frauen in der tinte. sie essen salat ohne soße und sie haben gelernt zu klecksen statt zu klotzen. schon lange, bevor es den euro gab.
und jetzt frage ich sie im vertrauen: wer kann mir sagen, was hier wirklich hilft: pelikan oder geha?
sie können es doch auch nicht. weil sie in wirklichkeit gar kein zauberer sind. noch nicht mal sein lehrling. sie haben sie doch selbst gerufen, die geister, die ich seit dem letzten mittel jedesmal sehe, sobald ich mir vornehme, demnächst für eine einzige nacht die augen zu schließen. dann verscheuchen sie sie jetzt gefälligst auch wieder! vielleicht sollte ich auch lieber auf weißmehl-brötchen und vollmilch oder meinetwegen auch auf schrot-kugelkuren vertrauen statt auf unkontrollierbare magie, von der keiner weiß, wie sie je wieder zu bremsen ist.
ihr verzweifeltes "besen besen seids gewesen" bei der letzten konsultation nützt mir jetzt auch nix mehr. davon ist noch keiner genesen. ich selbst bin jedenfalls weiter davon entfernt denn je, das können sie mir glauben.

vielleicht lebe ich ja auch in der falschen epoche. wer weiß denn hier und heute, welches das sozialhistorisch wahrscheinlichste kollektive mittel des nächsten jahrtausends sein wird? sie bestimmt nicht. und ich will und kann es gar nicht wissen, ich bin ja nur patientin. aber wenn ich es schon nicht weiß, wer soll es dann wissen? und wer weiß heute überhaupt noch, wie viel toller es damals gewesen wäre, im goldenen zeitalter der echten fieber und seuchen?! da machte es noch richtig spaß, patient zu sein und von den alten meistern geschröpft zu werden. heute machen das nur noch ein paar verrückte und das finanzamt. am schönsten war es eigentlich vor der entdeckung der chronischen krankheiten, da ging es auch mir persönlich am besten. damals, als die mutter aller krankheiten noch gar nicht existierte, weil sie noch gar nicht erfunden war. die menschen waren doch trotzdem glücklich, obwohl sie weder unterdrückte hautausschläge noch warzen hatten.

damals war die welt noch in bester unordnung und noch niemand war auf die absurde idee gekommen, dass NICHTS gesund machen kann. schließlich war keiner krank. also was wollte dieser alte mann mit dem sturmhute eigentlich. nur seine töchter quälen? selbst kann er ja nie davon probiert haben, denn dann wäre ihm sofort hören sehen und das herumdoktern vergangen. dann wäre es aus und vorbei gewesen und streukügelchen würden heute höchstens noch bei glatteis eingesetzt. auch die salze wären bei ihrer wahren bestimmung geblieben: statt der haifischflosse oder dem schwänzchen des chinesischen kochs würde endlich wieder das salz in der paradiesischen ur-suppe herumschwimmen. aber die zeiten sind härter geworden, besonders für patienten. noch dazu, wenn sie gar keine geduld haben, so wie ich.

sie werden zustimmen, dass es unter diesen umständen für mich viel heilsamer ist, mich endgültig wieder der religion zuzuwenden. das ist ja so etwas ähnliches wie das, was sie da betreiben. schon seit einiger zeit verrichte ich mein abendliches gebet am auspuff meines neuen autos und ich muss sagen, dass sich danach immer alle meine beschwerden in luft auflösen. wenn diese nur nicht so stinken würde! Obwohl der auspuff einen sagenhaften kat hat, gibt er so sonderbare absonderungen von sich. als ob man sich auf der insel vulkano befinden würde. doch ich vergaß, sie sagten es bereits: sie kennen diese insel nicht und wollen homöopath sein... und wie bitte schön wollen sie dann das richtige potenz-mittel für mich finden?
ach und bevor ich endgültig einschlafe, noch eine letzte frage für heute: haben sie nicht eine salbe, die zu hohen benzinverbrauch unterdrückt? dann wäre ich ihnen sehr verbunden. auch das geschwür am tank ist wahrscheinlich behandlungsbedürftig, doch da lasse ich lieber einen promovierten und tätowierten tankologen dran, was meinen sie?
er findet es im gegensatz zu ihnen auch völlig unbedenklich, dynamisch über die kölner innenstadt zu fahren. mir ist nie ganz wohl dabei, weil ich auf den kölner straßen, die mich immer irgendwie an den früheren osten erinnern, stets das gefühl habe, dass gleich das ganze benzin unten herauslaufen könnte. wenn ich mit gekreuzten beinen am steuer sitze, lässt das meistens für kurze zeit nach, doch einmal habe ich dabei schon die bremse mit der kupplung verwechselt. seitdem träume ich jede nacht davon, ein ICE zu sein, der sich gerade im anflug auf den kölner dom befindet. ein sehr netter steward fragt mich, ob ich noch einen wunsch habe. finden sie das noch normal?

vorerst wünsche ich mir vor allem eine gute nacht. wenn ich nur einschlafen könnte, dann wäre auch dieses geschwätz endlich vorbei. ich könnte für heute mit diesem leben abschließen und auf das nächste warten. wenn ich ganz großes glück habe, wartet dort bereits der göttliche peter raba auf mich. als adam, der mit seinem fotoapparat nur darauf lauert, dass ich mich als eva mit meinem oberkörper oder ganz aus dem lebensbaum herausschlängle. ich krieche dann direkt in den C6-raum hinein, der früher audimax hieß und ungestraft von jedem C3- oder C4-professor besetzt werden durfte. dort treffe ich auf den potenzierten arechetypen jürgen becker, hüter des C-grals ab der vierten stufe. er bekommt vor schreck eine panikattacke, weil er befürchtet, dass ich die lila farbbeutel dabeihaben könnte, die er noch aus freiburger feministischen kreisen kennt. von ihm oder von einem anderen märchenerzähler lasse ich mir "kinder brauchen C-4-texte" vorlesen, die nur zu mir sprechen. oder ich komme als computervirus wieder auf diese welt zurück und erkläre diesem synthetisch hergestellten griechischen programm, dass entgegen seiner behauptungen kein repertorium der welt unheilbar sei.

vielleicht bin ich es ja. wie sie sehen, bin ich völlig am ende. glauben sie mir das. und am ende werde ich immer philosophisch: "oh mensch gib acht. was spricht die tiefe mitternacht?"
mit mir spricht sie schon lange und mit ihnen? das hat einer geträumt, der nicht wusste, ob er vorher oder nacher meint, der aber erstens auch verrückt war und zweitens den gleichen schnauzbart hatte wie dieser amerikanische homöopath, den heute keiner mehr Kent.

glauben sie, mir ist noch zu helfen?

es grüßt sie
für immer ihre patientin

kommentar
meine damen und herren, eigentlich wollte ich ihnen nun noch als powerpoint-präsentation meine erfolglose repertorisation nach tripper und schankaran vorführen, aber dummerweise bekomme ich bei/ vor/ während und nach öffentlichen vorträgen immer durchfall. deshalb muss ich mich jetzt leider sofort verabschieden.
schade eigentlich. nicht, dass mich ihre meinung dazu nicht interessiert hätte. aber vielleicht sollte ich das auch lieber bei einer homöopathischen Zeit-schrift als homöoquiz einreichen? was meinen sie? welche mittel sollten lieber nicht gege-ben werden und warum nicht?
a) auf keinen fall lachesis
b) niemals mit placebo anfangen, auch wenn es angezeigt ist
c) dieser sulfur-fall ist hoffnungslos
d) lieber ein falsches mittel als gar keins
zu gewinnen gibt es einen freiartikel, der dann garantiert nicht abgedruckt wird.

ich danke ihnen für die mühe, die ich ihnen gemacht habe.


Praxisanschrift der Verfasserin:
Angelika Hein
Heilpraktikerin
Eifelstraße 33
50677 Köln
Tel. 0221-551795

 
   
 
  © Thomas Mickler zuletzt aktualisiert: 31.10.2005