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Vortrag, gehalten anlässlichen des 10-jährigen Jubiläums der Dynamis Schule Köln, am 06.06.2004 von Angelika Hein. Mit Dank an Heike Westhofen (vormals Buczek), Stefan Reis und Thomas Mickler. sehr geehrter herr doktor, ich konnte es selbst kaum glauben, doch als erste reaktion auf die kügelchen, die sie mir neulich gaben, nahm ich mir ernsthaft vor, ihre rechnung zu bezahlen. anscheinend waren es nicht genug, denn die wirkung ließ bereits nach, als ich schon vor dem bankschalter, doch noch hinter der schlange stand. ich redete pausenlos mit ihr, aber sie hörte mir nicht zu. frustriert verließ ich die filiale und begabmich nach hause, um auf die kommende verschlim-merung in der nacht zu warten. da kommt sie auch schon. diesmal von hinten. ich wusste
doch schon immer, dass noch jemand im raum ist und jetzt ist es leider
wahr geworden. sie schleicht sich fast lautlos herein und macht sich
sogleich über mein gemüt her. sehr ungemütlich. ich dachte, das mit
den einbrechern und den außer-irdischen wesen hätte ich nur geträumt.
vielleicht lebe ich ja auch in der falschen epoche. wer weiß denn hier und heute, welches das sozialhistorisch wahrscheinlichste kollektive mittel des nächsten jahrtausends sein wird? sie bestimmt nicht. und ich will und kann es gar nicht wissen, ich bin ja nur patientin. aber wenn ich es schon nicht weiß, wer soll es dann wissen? und wer weiß heute überhaupt noch, wie viel toller es damals gewesen wäre, im goldenen zeitalter der echten fieber und seuchen?! da machte es noch richtig spaß, patient zu sein und von den alten meistern geschröpft zu werden. heute machen das nur noch ein paar verrückte und das finanzamt. am schönsten war es eigentlich vor der entdeckung der chronischen krankheiten, da ging es auch mir persönlich am besten. damals, als die mutter aller krankheiten noch gar nicht existierte, weil sie noch gar nicht erfunden war. die menschen waren doch trotzdem glücklich, obwohl sie weder unterdrückte hautausschläge noch warzen hatten. damals war die welt noch in bester unordnung und noch niemand war auf die absurde idee gekommen, dass NICHTS gesund machen kann. schließlich war keiner krank. also was wollte dieser alte mann mit dem sturmhute eigentlich. nur seine töchter quälen? selbst kann er ja nie davon probiert haben, denn dann wäre ihm sofort hören sehen und das herumdoktern vergangen. dann wäre es aus und vorbei gewesen und streukügelchen würden heute höchstens noch bei glatteis eingesetzt. auch die salze wären bei ihrer wahren bestimmung geblieben: statt der haifischflosse oder dem schwänzchen des chinesischen kochs würde endlich wieder das salz in der paradiesischen ur-suppe herumschwimmen. aber die zeiten sind härter geworden, besonders für patienten. noch dazu, wenn sie gar keine geduld haben, so wie ich. sie werden zustimmen, dass es unter diesen umständen
für mich viel heilsamer ist, mich endgültig wieder der religion zuzuwenden.
das ist ja so etwas ähnliches wie das, was sie da betreiben. schon seit
einiger zeit verrichte ich mein abendliches gebet am auspuff meines
neuen autos und ich muss sagen, dass sich danach immer alle meine beschwerden
in luft auflösen. wenn diese nur nicht so stinken würde! Obwohl der
auspuff einen sagenhaften kat hat, gibt er so sonderbare absonderungen
von sich. als ob man sich auf der insel vulkano befinden würde. doch
ich vergaß, sie sagten es bereits: sie kennen diese insel nicht und
wollen homöopath sein... und wie bitte schön wollen sie dann das richtige
potenz-mittel für mich finden? vorerst wünsche ich mir vor allem eine gute nacht. wenn ich nur einschlafen könnte, dann wäre auch dieses geschwätz endlich vorbei. ich könnte für heute mit diesem leben abschließen und auf das nächste warten. wenn ich ganz großes glück habe, wartet dort bereits der göttliche peter raba auf mich. als adam, der mit seinem fotoapparat nur darauf lauert, dass ich mich als eva mit meinem oberkörper oder ganz aus dem lebensbaum herausschlängle. ich krieche dann direkt in den C6-raum hinein, der früher audimax hieß und ungestraft von jedem C3- oder C4-professor besetzt werden durfte. dort treffe ich auf den potenzierten arechetypen jürgen becker, hüter des C-grals ab der vierten stufe. er bekommt vor schreck eine panikattacke, weil er befürchtet, dass ich die lila farbbeutel dabeihaben könnte, die er noch aus freiburger feministischen kreisen kennt. von ihm oder von einem anderen märchenerzähler lasse ich mir "kinder brauchen C-4-texte" vorlesen, die nur zu mir sprechen. oder ich komme als computervirus wieder auf diese welt zurück und erkläre diesem synthetisch hergestellten griechischen programm, dass entgegen seiner behauptungen kein repertorium der welt unheilbar sei. vielleicht bin ich es ja. wie sie sehen, bin ich völlig
am ende. glauben sie mir das. und am ende werde ich immer philosophisch:
"oh mensch gib acht. was spricht die tiefe mitternacht?" glauben sie, mir ist noch zu helfen? es grüßt sie kommentar ich danke ihnen für die mühe, die ich ihnen gemacht habe. Praxisanschrift der Verfasserin: |
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